Der Anfang

Von den Anfängen bis zum Ausbruch des 1.Weltkrieges

Anfang August 1865 erließ der Lehrer Carl Lipp einen Aufruf zur Gründung eines Turnvereins. Auf der am 9. August 1865 in der Gaststätte und Brauerei Karl Strucksberg sen., Oberstraße, stattgefundenen Versammlung wurde der Männer-Turnverein Ratingen gegründet. Bei dieser ersten Gründung traten 23 Bürger dem Verein bei.

Im Februar 1872 wurde der Turn- und Feuerwehrverein gegründet. Vom Männer-Turnverein ist zu diesem Zeitpunkt nichts mehr überliefert. Man kann daher annehmen, daß sich dieser Verein mit dem Turn- und Feuerwehrverein verschmolzen hat. Dieser Turn- und Feuerwehrverein hat nicht lange bestanden. Er besteht im Jahre 1878 nicht mehr.

Im Jahre 1880 kam es zur zweiten Gründung, bei der sich der Verein "Turnverein Ratingen" nannte. Später setzte man das Jahr 1880 hinzu.

Am 26. Juli 1882 erschien in der Ratinger Zeitung ein Aufruf "an alle jungen Leute", am Turnen teilzunehmen. In diesem Aufruf heißt es u.a.:

"Doch nicht junge Leute allein, auch ältere Personen sollten turnen. Das Turnen bietet, wie wir vorhin erwähnten, für jedes Alter große Vortheile, und in Folge seiner, insbesondere durch Errichtung von Männer-Riegen mit dem Alter angepaßten Uebungen, genügende Garantie der Ungefährlichkeit. Mäßige Uebungen erhalten den Körper auch bei vorrückendem Alter gelenkig und geschmeidig, und durch sie wird gewiß manche Beschwerde, welche die zunehmenden Jahre mit sich bringen, verhütet oder wenigstens weniger fühlbar. Eine wahre Weisheitsregel, welche die Alten schon kannten, lautet: "Man muß gegen das Alter ankämpfen, wie gegen eine Krankheit." Dieses Wort enthält gewiß eine große Lebensweisheit, und eine wirksame Waffe in diesem Kampfe gegen das Greisenalter bilden die Leibesübungen."

Auch Ausreden, um sich erfolgreich gegen die Teilnahme am Turnen zu wehren, finden wir in diesem Bericht. Dort heißt es:

"Nachdem wir die Vortheile beleuchtet, weiche das Turnen für sich hat, blieb uns noch übrig den mancherlei Einwendungen entgegen zu treten, welche ihm gegenüber geltend gemacht werden. Eine sehr beliebte Redensart bei jungen Leuten ist die: "Ach turnen, ich bin zu alt und steif dazu geworden!" Wir wollen es den 20- bis 25jährigen nicht übel nehmen, könnten vielmehr glauben, daß sie sich zu alt und steif fühlen, sich eine gesunde körperliche Bewegung zu machen, in diesem Falle ist doch wohl der Beweis der Nothwendigkeit erbracht, stets und immer wieder auf die günstige Einwirkung des Turnens auf den Körper aufmerksam zu machen. Aber wir wollen den jungen Leuten nicht dieses klägliche Zugeständnis machen, vielmehr annehmen, daß dieses als eine wohlfeile Redensart hingeworfen wird, um die gewöhnliche Bequemlichkeit damit zu decken. Es ist eben scheinbar angenehmer beim Bier über Staatsweisheit und Volkswohl zu politisieren, als zunächst einmal mit sich selbst zu beginnen, und etwas Gemeinsinn mit zu bringen, um zum Gedeihen einer Sache beizutragen, welche als gut für den einzelnen und das Ganze anerkannt ist."

Auch im gesellschaftlichen Leben war der Ratinger Turnverein sehr rege. Die Stiftungsfeste waren meist mit Wett-Turnen verbunden. Es wurden aber nicht nur Stiftungfeste gefeiert. So berichtet die Ratinger Zeitung in ihrer Ausgabe vom 30. Juli 1890 über ein Familienfest folgendes:

"Am verflossenen Samstag feierte der "Ratinger Turnverein" in dem schön dekorierten Saal des Herrn Strucksberg ein Familienfest verbunden mit Preisturnen unter den Mitgliedern. Nach Verkündigung der Sieger erhielten dieselben einen Ehrentanz. Hierauf folgte die Polonaise und der allgemeine Festball, welcher die Mitglieder bis zum Anbruch Morgens gemüthlich zusammenhielt. Das Fest hatte einen prächtigten Verlauf und war von den Eltern und Angehörigen der Mitglieder auf's zahlreichste besucht, woraus hervorgeht, weicher Beliebtheit sich derselbe erfreut."

In einem Inserat in der Ratinger Zeitung vom 12. Februar 1896 wird "zu dem am Rosenmontag, Nachmittags 5 Uhr 11 im Saale des Herrn C. Strucksberg beginnenden großen Masken-Ball" eingeladen.

Als der maßgebende Turnverein in Ratingen besuchte der Turnverein 1880 regelmäßig die Turnfeste in der Umgebung, ohne jedoch der Deutschen Turnerschaft anzugehören. Mehrere Turner errangen auf diesen Turnfesten Auszeichnungen.

Im Jahre 1905 feierte der Turnverein Ratingen 1880 sein 25-jähriges Bestehen. Die Ratinger Zeitung berichtete in der Ausgabe vom 6. September 1905 u.a. folgendes:

"Der "Turnverein Ratingen", der vor einiger Zeit noch zu den sogenannten "wilden Vereinen" zählte, ist inzwischen der "Deutschen Turnerschaft" beigetreten und wird als deren Mitglied mit seinem Jubelfest am 9., 10. und 11. September zum ersten Male vor die Öffentlichkeit treten."

Die Veranstaltungen wurden in der Gaststätte Strucksberg und im Festzelt auf dem Schützenplatz an der Bahnstraße, jetzt Gelände der Firma Calor-Emag, durchgeführt. Neben Wett-Turnen, Festzug, Konzert und Tanz war das Fest mit der Fahnenweihe verbunden. In dem Bericht der Ratinger Zeitung vom 13. September 1905 über das "Jubelfest des Turnverein Ratingen" heißt es u.a.:

"Obwohl die Witterung während der Tage des Jubelfestes kaum schlechter hätte sein können, war die allgemeine Beteiligung noch eine verhältnismäßig sehr gute.

Die Fahne wurde mit einer von Frauen und Jungfrauen gestifteten Fahnenschleife dekoriert. Herr Gustav Esser, dem einzigen Jubilar, wurde für seine treue Anhänglichkeit an den Turnverein ein Silberkranz verliehen. Die Stabübungen und die Riegen am Barren des hiesigen Vereins, sowie die Leiterpyramiden des Rather Turnvereins waren großartige Leistungen und fanden lebhaften Beifall, so daß das Jubelfest mit diesem Abend eine würdige Einleitung fand.

Die Beteiligung bei dem Festzuge am Nachmittage war sehr rege; durch die Beteiligung der St. Sebastiani-Bruderschaft mit sämtlichen Kompagnien und des Ratinger Kriegervereins bot der Festzug ein buntes Bild und machte einen imposanten Eindruck. Nach Ankunft auf dem Festplatze ergriff Herr Bürgermeister Jansen das Wort, begrüßte die erschienenen Vereine namens der Stadt und beleuchtete alsdann die Wichtigkeit u. den Wert der Turnerei."

Mit Schreiben vom 28. September 1908 bat der Vorstand den Bürgermeister, für die Übungsstunden die Turnhalle des Progymnasiums bereitzustellen, bis eine städtische Turnhalle vorhanden ist. In diesem Schreiben wird u.a. ausgeführt:

"Unser Turnverein hat sich in letzter Zeit derartig rapide entwickelt, daß er augenblicklich mit aktiven & passiven Mitgliedern die Zahl 100 überschritten hat, und es liegt die Aussicht vor, daß sich die Mitgliederzahl in ganz kurzer Zeit um ein Bedeutendes vermehren wird.

Unser gegenwärtiges Turnlokal befindet sich bei dem Wirt, Herrn Strucksberg. Dieses Lokal sowie jeder Turnsaal in einer Wirtschaft kann jedoch der heutigen modernen Turnerei nicht genügen."

Als weiterer Grund seiner Bitte wird ausgeführt, "daß unser jetziger Vereinssaal für die bedeutende Anzahl Turner jetzt schon zu klein ist und mit Rücksicht darauf, daß es für uns Turner und besonders für unsere Jugendabteilung durchaus nicht vorteilhaft erscheint, das Turnlokal in einer Wirtschaft zu wahren."

Der Brief endet u.a. mit folgendem Hinweis: "Viele Eltern möchten ihre Jungen ganz gerne zur Turnstunde schicken, aber die Wirtschaft gibt ihnen Veranlassung dazu, hiervon abzusehen."

Vom Bürgermeister wurde dem Vorstand am 10. November 1908 mitgeteilt, "daß die Stadtverordnetenversammlung die Überlassung der Turnhalle beim städtischen Progymnasium für die Zwecke des Turnvereins abgelehnt hat."

Die vom Verband der Turnvereine Düsseldorf am 20. Juni 1909 an den "Königlichen Regierungspräsidenten Schreiber" eingereichte Beschwerde hatte ebenfalls keinen Erfolg.

Das "Provinzial-Schulkollegium" in Koblenz antwortete am 8. September 1909, daß es z.Zt. davon absehen müsse, auf die Stadtverwaltung und insbesondere auf das Kuratorium im Sinne des Gesuches einzuwirken, da die Turnhalle so stark von den Schulen in Anspruch genommen sei, daß die Überlassung an den Verein nicht mehr angängig sei. "Durch sie würde die für die Reinigung der Halle notwendige Zeit auf ein allzu geringes Maß beschränkt."

Im Jahre 1911 wurde dem Turnverein Ratingen die Ausrichtung des Bezirksturnfestes für den 1. Bezirk des Niederrheinischen Turngaues (Deutsche Turnerschaft) übertragen. Das Fest fand am 27. - 29. Mai 1911 unter dem Protektorat des Landrates Dr. von Beckerath statt. Auf dem Spielplatz an der Bahnstraße wurden unter starker Beteiligung der Vereine des Bezirks die Wettkämpfe durchgeführt. Durch die Innenstadt bewegte sich ein großer Festzug, an dem rund 800 Turner teilnahmen.

Am 6. Mai 1911 beschloß die Mitgliederversammlung einstimmig, den Fußballclub Alemannia 1904 als Spielabteilung dem Turnverein anzuschließen.

Vor dem Stiftungsfest des Jahres 1913 fanden sich im Privatbesitz der Familie des Vereinswirtes Strucksberg die Satzung mit der Turnordnung von 1865. Der Vorstand beschloß daher, in diesem Jahr nicht das 33., sondern das 48. Stiftungsfest zu feiern. Die aufgefundene Satzung wurde der Jahresversammlung am 11. Januar 1914 vorgelegt. Die Versammlung beschloß einstimmig, den Verein nicht mehr Turnverein 1880, sondern Turnverein 1865 zu nennen. In dem Protokoll über die Jahresversammlung heißt es u.a.:

"Zum Schluß schenkte unser 1. Vorsitzender Herr Dr. Berckhoff dem Verein die aus dem Gründungsjahre 1865 stammenden Statuten und die Turnordnung je mit einem schönen Rahmen versehen zur Freude aller, und machte gleichzeitig bekannt, daß die alten vorgefundenen Schriften einen würdigen Einband erhalten."

Leider gingen diese Unterlagen bei dem Fliegerangriff am 22. März 1945 verloren.


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